Donnerstag, 15. Mai 2008

The Indelicates, Münster, 30.04.08


Interview: The Indelicates

Ort: Billardladen neben dem Amp in Münster
Datum: 30.04.2008
anwesend: Julia Indelicate (Keyboard & Gesang), Simon Indelicate (Gitarre & Gesang) und Al Clayton (Gitarre)


Sängerin Julia Indelicate hatte ich schon im Amp getroffen, dem Club, in dem die englische Band später auftreten sollte. "Simon ist noch unterwegs, er kauft eine Gitarre, lass uns ihn suchen!" Vor dem Instrumentenladen zwei Häuser weiter kamen und Simon und die anderen Indelicates entgegen. Der Sänger hatte wirklich eine Gitarre gekauft. Gemeinsam gingen wir in einen Billard-Laden, in dem die Band essen sollte.

Julia: Wie war das? Du bekommst drei Gitarren zum Preis von was?
Simon: Zum Preis von drei Gitarren! Drei billigen Gitarren.

Ich erkläre zunächst, was Konzerttagebuch ist und wo ich die Band bereits gesehen habe.

Heute ist unser viertes Indelicates Konzert. "Unser" heißt aber eigentlich "mein", denn mein Pariser Partner Oliver hat Euch noch nicht sehen können, weil Ihr in Frankreich wohl noch nicht aufgetreten seid.

Simon: Wir sollten, das Konzert wurde aber ganz kurzfristig abgesagt. Wir haben aber auch keinen Plattenvertrag in Frankreich.

In Köln hattet Ihr eine Menge technischer Probleme. Und Deine Stimme war sehr angeschlagen, Simon. Das Konzert war aber trotzdem wahnsinnig unterhaltsam!

Simon: Ich sollte die Bob Dylan-Nummer ins Programm aufnehmen. Das hat viel Spaß gemacht!

Erinnert Ihr Euch an andere Gigs, die schiefgegangen sind?

Al: Wir hatten einen wirklich schlimmen Albtraum-Auftritt. Du [Simon] warst so hinüber, daß Du nicht mitkommen konntest. Der Rest von uns war da, wir haben den Soundcheck gemacht, alles wie immer. Während des ersten Lieds ging der Strom plötzlich aus. Wir sind extra wegen des Auftritts nach London gefahren, und dann das. Also fuhren wir wieder zurück. Viele Leute wollten dann Ihr Geld von uns zurück, dabei hatten wir keinen Penny bekommen.
Simon: Strom! Ich bekomme oft Stromschläge vom Mikro! Das ist schrecklich! Vor den Indelicates bin ich mal von so einem Schwachkopf aus Brighton gebucht worden für einen Spoken Word Auftritt. Direkt neben mir war eine Band, Ich stand da also im Dunkeln hinter dem Mischpult und habe versucht, meine Texte aufzusagen aber man konnte mich weder hören noch sehen, weil es stockdunkel war. Nach der Hälfte habe ich gedacht, jetzt gehe ich heim. Das war das Schlimmste, was ich jemals erlebt habe.

Ich habe gestern die Hidden Cameras in Köln gesehen...

Julia [lacht]: Achso, das ist eine Band, Hidden Cameras. Ich dachte erst "was will er erzählen? Er hat Kameras gesehen?"

...die haben in Köln vor 50 Leuten gespielt, und der Saal fasst 800. Das muß deprimierend für eine Band sein...

Julia: Als wir zuletzt in Wien waren, fing es an zu schneien und ganz plötzlich eiskalt zu werden.
Simon: -9°, ein richtiger Schneesturm. Niemand kam zu unserem Konzert.
Julia: Wir hatten ein wirklich nettes Publikum, vielleicht 20 Leute.
Simon: Es waren 15.
Julia: ...tanzende Punks!

Habt Ihr Lieblingsorte für Konzerte?

Simon: Ich liebe es, in Hamburg aufzutreten.
Julia: Wir alle lieben Hamburg!
Al: Berlin ist auch ok. Und ich mochte Kaiserslautern. Ein kleiner Club zwar, aber eine große Bühne. Überall, wo Eds Schlagzeug auf einem Podest stehen kann, ist es toll. Ich liebe es, davon runterzuspringen!
Julia: Hamburg ist ein toller Ort für Konzerte. Das fühlt sich gut an, alles an Hamburg. Die Unterkünfte sind gut, die Leute. Berlin ist immer so hektisch, da sitzt unser Label, und wir haben da jedes Mal zig Termine. "Vier Interviews? Gerne. Ich muß nur noch zum Soundcheck und irgendwas essen."

Oder Gitarren kaufen...

Julia [lacht]: Ja! Sehr wichtig!
Al: Dafür halten wir immer 30 Minuten frei.

Und gibt es Traumorte für Konzerte?

Simon: Ich würde alles dafür geben, mal im Astoria in London zu spielen. Da habe ich als Teenager viele Konzerte gesehen.
Julia: ...bevor sie es zumachen.
Simon: Ja, es gibt Pläne, es zu schließen.
Julia: Bei mir ist es die Brixton Academy. Da war ich früher zum Tanzen.

Und exotischere Orte? Schlösser, Burgen?

Simon: Ich bin mal auf Hastings Castle aufgetreten, in der Zeit vor den Indelicates, gemeinsam mit John Cooper Clarke und einem anderen in England bekannten Dichter. Die bekamen beide wohl 1000 Pfund und ich 100. Aber das war es wert, ich war auf einer Burg und am Ende gab es ein Feuerwerk, das war gut!
Al: Mein erster Auftritt mit Euch war in der Krypta einer Kirche in Liverpool.
Julia: Das ist eine katholische Kirche, die Liverpool Metropolitan Catholic Cathedral. Die hat eine Krone aus Telefonen auf dem Dach, sehr merkwürdig! Die Krypta bestand aus drei Räumen, einer davon war der Backstage Raum. "Das ist Eure Garderobe!" - "Wow!"

In Köln gibt es die KulturKirche, eine protestantische Kirche, in der viele tolle Bands spielen...

Julia: In Kirchen zu spielen ist wegen der Akustik und der Echos schwierig. Mit leiser Musik geht das, aber Rockmusik klappt kaum.
Simon: Gut für Sigur Ros, nicht gut für Franz Ferdinand!
Al: Du spielst einen Ton, und er kommt zu Dir zurück - fünf Sekunden später. So war mein erstes Konzert!
Simon: Dumme Kirche!
Julia: Wir haben anschließend nie wieder in Liverpool gespielt. Nur einmal in Manchester.

Ich habe noch nie Konzerte in anderen englischen Städten außer London gesehen. Dabei kommen viele meiner Lieblingsbands aus dem Norden.

Simon: Die besten Bands kommen aus dem Norden!
Julia: Newcastle ist eine tolle Stadt, da solltest Du mal hinfahren.
Simon: Newcastle ist ein wenig wie Hamburg.
Julia: Stimmt. Manchester ist auch cool. Alles ist cooler als London.
Simon: Bands ziehen zum Sterben nach London. Die einzig gute Band von da sind die Sex Pistols.
Julia: Es ist wirklich so, daß nicht viel Kultur in London entsteht. Das sieht nur immer so aus. Leute gehen nach London, um Netzwerke aufzubauen. Netzwerke, Netzwerke, Netzwerke! Sie machen nicht wirklich etwas. Und ja... dann sterben sie! Ziemlich genauso läuft das! Die Leute im Norden haben einfach eine andere Einstellung.

Die meisten tollen deutschen Bands kommen aus Hamburg. Hamburg ist allerdings eine sehr wohlhabende Stadt. Kennt Ihr deutsche Bands?

Simon: Wir haben mit einigen guten gespielt. Freizeit 98 fand ich ziemlich gut.
Al: Auf der Tour mit Art Brut waren einige gute dabei.
Simon: Ja...
Al: Ich kann mir keine Namen merken.
Simon: Du mochtest Itchy Poopzkid, glaube ich.
Julia: Sind die bekannt in Deutschland?

Ich kenne sie nicht.

Simon: Big in Austria!
Al: Deren Show war gut, ich habe denen gerne zugesehen. Das Album war... naja. Ich habe nichts dafür gezahlt.
Julia: Wie hieß die Band, mit der wir in Wien gespielt haben? Diese Skelett-Typen?
Simon: Die mochte ich nicht.

Das ist aber auch nicht einfach, weil es nicht viele tolle deutsche Bands gibt.

Simon: Ich wette, die gibt es! Deutsche Clubs zahlen englische Gruppen dafür, bei ihnen aufzutreten. Englische Läden würden das nie tun. Also haben Bands aus Deutschland auch keine Chance, sich internationalem Publikum vorzustellen. Es gib sicher viele hervorragende deutsche Bands!

Die meisten Bands, die ich letztes Jahr gesehen habe, kommen aus Schweden...

Simon: Skandinavien ist toll! Ich liebe zum Beispiel Mew aus Dänemark. Eine Schande, daß die nicht bekannter sind.

Wart Ihr schon in Skandinavien?

Simon: Nein, leider nicht. Unser Album ist in Norwegen erschienen, weil das Label, das unsere erste Single gemacht hat und das dafür gegründet wurde, von einem Norweger betrieben wird.

Wie sieht das mit Festivals aus? Spielt Ihr welche in Deutschland?

Julia: Wir würden gerne mal bei den PopKomm spielen.
Simon: Diesen Sommer sind wir nur beim Frequency in der Nähe von Salzburg.

[Das Essen kommt]

Mögt Ihr lieber Clubauftritte oder Festivals?

Julia: Viele Festivals haben wir ehrlich gesagt noch nicht gespielt. Wir waren bisher bei Indietracks und SXSW.
Simon: Ich bin ein paar mal in Glasto aufgetreten - nicht mit der Band.
Julia: Glastonbury ist großartig, das Campen da...
Simon: Eigentlich ist das kein Festival. Die bauen da für drei Tage eine ganze Stadt auf.

Ich würde da auch gerne mal hinfahren, aber es scheint unmöglich zu sein, Tickets dafür zu bekommen.

Simon: Dieses Jahr nicht, es ist nicht ausverkauft. Vermutlich, weil Jay-Z Headliner ist. [äfft Leute nach] "Oh nein, Jay-Z!" Dabei ist der Kerl fantastisch! Ich würde es lieben, ihn zu sehen!

Ist das Publikum von Land zu Land unterschiedlich? Wie sind die Konzertgänger in Deutschland im Vergleich zu England?

Simon: Vor allem mehr. In Deutschland kommen mehr Leute zu uns!
Julia: Definitiv!
Al: In England ist es von Stadt zu Stadt unterschiedlich. In London ist jedes Gebäude mittlerweile ein Musikclub...
Julia: Die Kultur des Ausgehens hat sich verändert. Heute sieht sich abends jeder Bands an statt Tanzen zu gehen.
Al: Oft vier am Abend!
Simon: Das war so merkwürdig: als wir zum ersten Mal in Deutschland gespielt haben, wollten die Leute, daß wir länger als eine Stunde spielen. In London stehen die Headliner meist nur 30 Minuten auf der Bühne. Wir haben denen gesagt, daß wir nicht mehr Lieder hätten! In München hieß es mal: "Sie haben nur 70 Minuten gespielt. Haben die gar nicht genug für zwei Stunden?" Zwei Stunden? Wollen die mich umbringen?

Ich habe The Cure gesehen, das dauerte drei Stunden...

Julia: Großartig!
Simon: Die haben ja auch genug Songs! [singt in schönster Robert Smith Tonlage] Friiiiday I'm in love! Das könnte ich stundenlang singen!

Nach dem Cure Konzert habe ich ein Gespräch mitbekommen, in dem sich zwei Leute unterhalten haben, was The Cure alles nicht gespielt haben.

Julia: Oh my god!
Simon: Fuck!

Was war das schlechteste Konzert, das Ihr jemals gesehen habt?

Simon [lacht]: Das kann ich nicht tun!

Simon: Ich habe hunderte furchtbarer Konzerte von vielen scheußlichen Bands gesehen, ich nenne aber keine Namen!

Als wir das Eddie Argos gefragt haben...

Simon [lacht noch lauter]: Ich wette, er hat das gerne gemacht!

... hat er nach zwei Sekunden die Fratellis genannt.

Simon: Das ist naheliegend! Die sind fies!
Julia: Um ehrlich zu sein...
Simon: ...war Deine Band [Die Pipettes] auch großer Mist am Ende, kurz bevor Du ausgestiegen bist.
Julia: Oh ja!
Simon: Pom-pons...
Julia: Dieser Cheerleader-Kram... Ich schäme mich immer noch, obwohl ich nichts damit zu tun hatte!
Simon: Die Konzerte der Band unseres Freunds Keith [TOTP], der heimliches Mitglied bei Art Brut ist, sind technisch grausam! Fünf oder sechs Gitarren und niemand kennt die Lieder!
Julia: Bei SXSW in Austin gab es dieses bemalte Gebäude; die British Music Embassy. Was wir da gesehen haben, war schlimm! Alle Bands waren Kopien. Gleiche Jeans, gleiche Krawatten, gleicher Beat, alles gleich.
Simon: Die Wallabies!
Julia: Und die Wombats...
Simon [lacht]: Wir wollten doch keine echten Namen nennen. Du meinst die Wallabies und die Koalas!
Julia [lacht]: Richtig, die Wombats waren nämlich toll!

In Köln habt Ihr letztes Jahr gemeinsam mit Eddie Argos von Art Brut "New art for the people" gemeinsam gespielt. Das war das erste Mal, daß ich Eddie habe singen hören.

Julia [lacht]: Er übt noch! Es gibt eine Coverversion des Songs, von Eddie gesungen. Wenn man eine Quizfrage auf unserem Album löst, kann man die sich downloaden.

Habt Ihr schon mal über andere Kooperationen nachgedacht? Vielleicht mit Bands, die Ihr bewundert?

Simon: Ich mag es nicht, Leute kennenzulernen, die ich anhimmele, da fühle ich mich unwohl. Wir haben jetzt Jim Bob und Les von Carter USM kennengelernt, einer meiner Lieblingsbands. Ich habe am Anfang kein Wort rausgebracht! Bei Morrissey wäre das auch so.

Ja, unmöglich, mit dem Mann zu reden. Das ginge mir auch so.

Simon: Ich würde nichts sagen, nur zuhören.
Julia: Ich würde auch mit niemanden kooperieren wollen, den ich mag. Von Neil Hannon würde ich mir gerne mal das Orchester leihen, aber zusammenarbeiten? Nein!

Kellnerin: Barbecue Teller?

Al: MCR!
Julia [fragend]: My Chemical Romance?
Al: Das wäre eine tolle Supportsache.
Simon: Sie uns?
Al: Oder so rum! Genau! Auch wenn das nie passieren wird.
Simon:
My Chemical Romance... In diesem Genre, das ich gar nicht mag, so nordamerikanischer Punk, sind die schon gut. Die haben zumindest den Ehrgeiz, eine Art künstlerisches Statement abzugeben, das gefällt mir! Deren Album...
Al: The Black Parade
Simon: Das ist ein sehr gutes Album, das ich nicht mag. Unter den Platten, die ich nicht mag, ist das eine der besten. Für Muse und deren Alben gilt das selbe.

Viele Indiebands, die in Deutschland groß sind, mag ich auch nicht. Riesig hier sind zum Beispiel Mando Diao oder Adam Green, die kennt man sonst kaum.

Julia: Scooter ist in Deutschland groß, oder?
Simon: Wir sind seit Jahren Scooter Fans!
Al: Beim Skilaufen im Winter habe ich dauernd Hyper Hyper im Kopf!
Simon: Großartig!
Julia: Deren Shows sind sensationell. Daher möchte ich auch unbedingt mal Nightwish sehen, am liebsten mit der alten Sängerin. Die sind so lächerlich, aber das wäre ein großer Spaß!

Dann drücke ich dafür die Daumen! Ich will Euch jetzt wirklich nicht länger vom Essen abhalten. Vielen Dank für das nette Gespräch!

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