Freitag, 11. März 2011

Phillip Boa And The Voodooclub, Koblenz, 10.03.11


Interview: Phillip Boa
Ort: Café Hahn, Koblenz, 30 Minuten nach Konzertende
Datum: 10.03.2011


Ein spannendes Konzept, zwei alte Platten an einem Abend zu spielen und der Auftakt einer Deutschland-Tour ausgerechnet in Koblenz liessen einige Fragen offen. Dirk von Platten vor Gericht interviewte Phillip Boa nach dem Konzert.

Wie war für dich der Tourneeauftakt in Koblenz heute Abend?

Erstmal war ich überrascht, dass es ausverkauft war, weil Koblenz normalerweise nicht eine Hochburg von uns ist.

Ihr wart ja nicht zum ersten Mal hier...

Ich kann mich an ein Konzert vor ungefähr 7 Jahren erinnern - und das war nicht schön.

Heute Abend waren wir sehr, sehr nervös, aus dem Grund, weil das Programm sehr schwierig zu spielen ist. Es hat sehr viele Avantgarde-Einflüsse und die Songs in sich klingen nicht komplex, sind aber komplex. Da kann man noch so viel üben, es ist schwierig das zu transportieren. Das war jetzt nicht das euphorische Publikum von Hamburg oder Berlin, aber die Leute haben das verstanden, und die haben zugehört. Zu den meisten Songs kann man ja auch nicht gerade abgehen. Wir haben das heute recht gut gemacht und es hat Spaß gemacht. Für einen Auftakt war das schon mal cool. Wir sind zufrieden, denn wir hatten ganz schön Angst davor, weil das Programm so schwierig ist. Der Keyboarder hatte psychomotorisch das ganze Auge rot und sah aus wie ein Zombie! Wir hatten schon befürchtet, er könnte nichts mehr sehen. Das ist wie die Angst des Torwarts vorm Elfmeter.

Nimmt diese Angst denn im Verlauf der Tour ab?

Ja klar, natürlich. Aber man spürt, dass die Leute das respektieren und das fand ich gut jetzt an dem Konzert. Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, dass die Leute das anerkennen. Egal wie man es jetzt findet, zu strange, zu cool oder zu anstrengend, die Leute haben Respekt gezollt, dass es mal etwas anderes war.

Wie kommt es, dass man nach den schlechten Vorerfahrungen seinen Tourneeauftakt ausgerechnet nach Koblenz verlegt?

Ich habe mir den Club hier mal angesehen, weil unsere Merchandiserin aus Koblenz kommt und uns den Club empfohlen hat, und dann habe ich mit dem Chef eine Führung gemacht und fand hier alles sehr Künstler freundlich. Hier haben auch schon sehr viele Leute aus der Jazz-Szene gespielt, die ich respektiere. Außerdem ist ein 500er-Club außerhalb der Metropolen genau die richtige Größe. Hier wird man als Künstler mit Respekt behandelt, das ist nicht mehr überall so. Außerdem ist es ein schöner Club - was will man mehr? Es war cool und ich bin glücklich, dass wir es so gemacht haben.

Wenn ich irgendwo ein schlechtes Konzert gemacht habe, dann ist das nächste auch ein Wiedergutmachungs-Konzert, wie morgen in Siegen, denn dort war es beim letzten Mal nur halbvoll, und wir nicht richtig motiviert und das will ich dann wieder gutmachen. Deshalb haben wir morgen diese Aufgabe vor uns: Ich will, dass die Leute aus den Konzerten gehen und glücklich sind.

Ist es beabsichtigt, dass ihr zuerst in kleine Städte geht – Koblenz, Siegen, Dessau, alle ausverkauft – bevor zum Beispiel Berlin, mit Zusatzkonzert, Frankfurt und Köln anstehen?

Absolut. Die ersten drei Konzerte sind so genannte Warm-Ups, aber du darfst den Leuten nicht das Gefühl geben, dass es so ist.

Berlin läuft besonders gut diesmal. Aber wenn du in Berlin spielst, hast du aufgrund der Medien einen besonderen Druck. Die Leute dort sehen jede Woche fünf Bands und stehen erstmal so mit verschränkten Armen da und denken, jetzt zeigt mir mal was. Das ist für so ein Programm keine gute Voraussetzung, da muss man sich erst warm spielen und da war es heute vermutlich konzentrierter als in drei Wochen in Berlin.

Wer kam auf die Idee die Alben „Helios“ und „Boaphenia“ neu zu veröffentlichen?

Die Alben waren vergriffen, gab es nicht mehr - warum auch immer. Dann habe ich die Plattenfirma angeschrieben und gesagt, dass das nicht schön ist, weil ich so daran hänge. Dann haben wir zusammen die Idee ausgebrütet die Ebay-Preise, die für unsere B-Seiten teilweise astronomisch hoch sind, zu senken und alles auf ein Album zu packen. Außerdem haben wir noch unveröffentlichte Songs aus dem Archiv geholt und den Sound optimiert. Der Gesamtsound ist zeitgemäßer und konkurrenzfähig mit Alben aus der Jetztzeit.

Es scheint ein Trend in den letzten Jahren zu sein, dass Bands ihre „Meisterwerke“ live komplett aufführen – The Charlatans „Some Friendly“, Primal Scream „Screamadelica“, Mercury Rev „Deserter’s Song“ – welches ist eigentlich dein „Meisterwerk“?

Das ist schwierig zu sagen. Bei Primal Scream ist „Screamadelica“ eine klare Angelegenheit, weil es auch den Zeitgeist der damaligen Rave-Szene widerspiegelt. Aber bei uns sind es schon mehrere Alben: „Hair“ gehört definitiv auch noch dazu oder „Hispanola“. Du siehst ja, auf dem Cover des NME ist ein altes Foto von Bobby Gillespie, und der hält sein Album hoch. Der NME ist die coolste Musikzeitschrift der Welt und trotzdem tun die so was. Das hat damit zu tun, dass der Stellenwert von Rock-, Indie- oder Alternativmusik in England oder den USA ein vollkommen anderer ist als hier. Der NME hat das erkannt, aber hier wird das nicht gesehen. Ich finde unser Material wichtig und zeitlos, „Helios“ klingt auch nicht wie die anderen deutschen Bands. Also habe ich das Recht dazu.

Werden weitere Re-Releases folgen?

„Copperfield“, „Hair“ und „Hispanola“ gab es auch schon als Re-Release, aber dummerweise nicht im Digipack oder mit exklusiven Songs. Wir haben dann auch auf der Tour vor einigen Jahren drei Alben live gespielt, aber das war der Wahnsinn, das war krank.

Wie sieht es mit Vinyl-Wiederveröffentlichungen aus?

Universal ist ein Riese. Du musst dir vorstellen, Universal hat einen Katalog von Zig-Tausend Platten, ist unterbesetzt und kann viele Sachen nicht schaffen. Leider.

Bei uns waren sie jetzt sehr hilfreich. Ich wünsche mir Vinyl, das ist aber kein Projekt, das ich sofort umsetzen muss. Ich bin schon froh, dass die CDs wieder veröffentlicht wurden.

Also ist die Hoffnung, meinen Plattenschrank nach der „Hair“ noch weiter aufzufüllen, noch nicht verloren...

Es gibt Vinyl-Platten die du einfach noch nicht hast, das ist das Problem, weil es dich nicht mehr interessiert hat. Wie meine letzte, Doppelalbum, mit Jacki Liebezeit, 180 Gramm, total cool. Nur du hast es eben verpasst!

Erst hat man sich alle Platten auf CD nachgekauft und jetzt ist man dabei das alles wieder rückwärts zu machen. Also kaufe ich seit einem Jahr auch wieder Vinyl.

Woher kenne ich das? Das ist schön anachronistisch und wunderbar.

Als ihr euch mit dem Konzept auseinandergesetzt habt, beide Alben komplett live zu spielen, gab es da auch Songs, bei denen ihr dachtet, die müssen wir jetzt aber nicht unbedingt spielen?

Ja, es gibt Songs, die will man nicht spielen, wie zum Beispiel dieses „Pfirsischeisen“ mit den Krummhörnern. Das ist komplex, hat nichts mit Rockmusik zu tun und man will es nicht, weil man Angst davor hat. Aber ich fühle mich dazu verpflichtet, es ist Teil des Albums. Da gehören noch ein paar andere dazu, aber es geht, man muss viel üben. Eine Ausnahme ist „Where my rats play Snooker“, da habe ich auch Angst vor, das ist glaube ich Stück 11 auf „Boaphenia“, das haben wir weggelassen.

Warum habt ihr denn die Alben nicht wirklich chronologisch durchgespielt? Sollten am Ende noch einmal drei richtige „Kracher“ kommen?

„And then she kissed her“ wäre eigentlich das erste gewesen. Aber dramaturgisch haben wir schon sehr viel riskiert, weil die Leute auch „Kill your Idols“ erwarten, und vielleicht sind sie ein bisschen enttäuscht, aber „Kill your Idols“ ist nun mal nicht auf den Alben. „Wonderless“ ist für den Anfang zu kompliziert, also haben wir ein simpleres, „Utopia“, mit einer Message nach vorne getan.

Wie war es denn, ein Konzert zu geben und auf solche Klassiker wie „Diana“, „I dedicate my soul to you“ oder „Kill your Idols“ konzeptionell verzichten zu müssen?

Komisch, es ist anders und nicht so ein typisches Rockkonzert. Es ist merkwürdig, eine andere Form von Kultur. Am liebsten würde man es spielen, aber andererseits weiß ich, dass man mein Leben lang von mir erwartet wird, als letztes „Kill your Idols“ zu spielen. Und diese Erwartungshaltung möchte man dann natürlich einmal brechen.

Als Zugabe statt dessen ein Cover der Vaselines war natürlich sehr passend. Hast du eine besondere Beziehung zur Band oder warum hast du den Titel ausgewählt?

Ich hatte mal ein Label früher und die waren ein Teil von Constrictor, denn wir hatten die im Verlag und auf zwei Compilations. Eine Zeit lang waren die in Deutschland sogar populärer als in England, dann haben Nirvana die irgendwann entdeckt und erkannt, dass die Songs schön sind. Ich bin von beiden Bands Fan.

Diese Version spielen wir manchmal in der Zugabe und wir merken, die Leute mögen das. Ich dachte zuerst, das kennt niemand, aber das stimmt nicht, das kennen die Leute.

Welche Platte von welcher Band würdest du gerne einmal live und komplett hören?

Ungefähr 5000! [lacht]

Du darfst aber nur eins nennen...

Jedes David Bowie-Album, das waren jetzt schon mal 25. Und wie heißt noch einmal das Album von Oasis mit „Live forever“ drauf...

„Definitely Maybe“

... denn das ist immer unser erstes Stück, wenn wir von der Bühne gegangen sind. Oder „The White Album“ von The Beatles.

Das geht wohl nicht mehr. Aber wirst du dir denn Konzerte von Beady Eye ansehen?

Ja,... [zögert] ... ich habe kein Problem damit, klingt wie die späten Oasis. Wenn man „The Roller“ fünfmal gehört hat, ist es so gut wie „Layla“. Ich finde Liam Gallagher cool, er hat was Eigenes und er sagt einfach nur was er denkt, was manchmal total daneben geht und manchmal nicht.

Woher kenne ich das? - Im letzten Jahr erschien, nur über deine Homepage, dein zweites Live-Album „Live Exile On Straight Street“ – wie kam es dazu und sehen so die Vertriebswege der Zukunft aus?

Die Fans haben so danach gefragt, ich bin eigentlich kein Freund von Live-Alben. Und mit Downloads verdient keine Band Geld. Bei Radiohead war es eine super Marketing-Idee, die sie jetzt wiederholen, aber letztlich ist das Physische entscheidend. Wir haben teilweise sehr viele legale Downloads, zum Beispiel von dem Song „And then she kissed her“, was man aber daran als Künstler verdient... Wenn das die Zukunft ist, dann gibt es bald keine Künstler mehr! Wahrscheinlich ist es dasselbe im Film- und im Literatur-Bereich. Es klingt jetzt konservativ, und ich habe selbst ein E-Book von Amazon, das hat einen großen Coolness-Faktor, man hat es immer dabei und kann alles schnell downloaden, aber das ist nicht das, wofür ein Künstler sein Herz hergibt.

Wann wird es ein neues Phillip Boa Album geben?

Vielleicht nächstes Jahr. Ich bin echt gut drauf, diese Songs haben mich inspiriert.

Eine Frage noch zum Schluss: Welche Frage würdest du denn in Interviews gerne einmal hören?

[lacht] Das lernt ihr doch in der Journalistenschule! Da wirst du nie von einem Künstler eine Antwort drauf erhalten, weil es immer die letzte Frage ist.

Dann eine andere Frage mit einer kleinen Vorgeschichte zum Schluss, die du bestimmt noch nicht gehört hast: 1988 stand ich als 17jähriger...

1988 - 17 Jahre alt. Scheiße, wie alt bist du denn?

Bei Beady Eye feiere ich Montag meinen 40.

Da hast du aber gute Gene.

... nach langer Anreise traurig und enttäuscht vor dem Alten Wartesaal in Köln, weil anstatt meines ersten Boa-Konzertes dort ein Zettel mit der Aufschrift „Das Konzert muss wegen Krankheit des Sängers ausfallen“ hing. Was hattest du damals schlimmes, dass du nicht auf die Bühne gehen konntest?

Als erste Antwort kann ich dir geben: Es war nie im Leben jemals ein Konzert im Alten Wartesaal in Köln geplant!

[Michael, der Tourmanager, schaltet sich ein:] Abzocke vom Veranstalter oder der ist vorgeprescht, hat es groß angekündigt, Tickets gedruckt und es ist mit der Agentur nie zustande gekommen. Ich führe das Live-Archiv und weiß auch nichts von einem Konzert im Alten Wartesaal.

Ich weiß alles, über alle meine Konzerte, das ist echt obskur!

Als zweite Antwort kann ich dir noch sagen: Ich habe in meinem Leben nur ein Konzert abgesagt und das war nur aus Arroganz. Ich habe in Köln definitiv kein Konzert ausgesetzt. Ich gehe mit 40°C auf die Bühne, wenn ich nicht tot bin, dann komme ich auch, weil mir macht das total Spaß, das ist meine Berufung!


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